Wenn man etwas weiter zurückdenkt, dann war C++ eigentlich ein Thema, das von keiner Entwicklerkonferenz wegzudenken war. Das hat sich allerdings in den letzten Jahren gravierend geändert. C++ fristete mehr oder weniger ein Nischendasein (speziell auch auf Microsoft Konferenzen). Nicht zu vergessen begannen die ADC Konferenzen (IMHO vor 15 Jahren) auch mit Themen aus der nativen Welt und wurden in den letzten Jahren immer mehr nur eine Konferenz für die „Managed Welt“.
Und wenn man manche Vorträge der Vergangenheit anhörte (gerade auch von deutschen Microsoft Mitarbeitern), dann bekam man das Gefühl vermittelt, dass man mit C++ Native Code eigentlich keinen Platz in der „geplanten/zukünftigen neuen Welt“ hat.

Alleine das Microsoft Deutschland niemanden im deutschsprachigen Raum hat, der für C++ zuständig ist und das Produkt auch wirklich kennt und damit arbeitet ist für mich eine Eigentümlichkeit der besonderen Art und hoffentlich etwas was sich in der Zukunft ändern könnte 😉

Umso mehr muss man den Mut von ppedv bewundern eine Konferenz genau zu diesem Thema „Natives C++“ zu veranstalten, die Advanced Developers Conference zu C++ in Prien.

Das wichtigste was ich zuerst schreiben möchte ist:
Solch eine Veranstaltung war überfällig

Warum?

  1. Es gibt einen Bedarf in unserer Industrie und Technik, nach nativem Code. Und das betrifft eben nicht nur „legacy Code“ sondern auch Neuentwicklungen.
  2. C++ ist alles andere als eine tote Sprache. Das zeigt gerade die Entwicklung der Sprache, Compiler und Library die C++11 (vormals (C++0x) mit sich gebracht hat.
    Und ich kann jedem C++ Entwickler nur dringend anraten sich mit den neuen Sprach- und Library-Features auseinander zu setzen.
    Es lohnt sich unbedingt und es ist produktiv diese neuen Features (auto, decltype, Lambdas uvam.) auch zu verwenden.
    Und der nächste Standard lässt hoffentlich mit seinen neuen Features keine 11 Jahre auf sich warten 😉
  3. Weil gerade auch der Microsoft C++ Compiler in VS-2010 (beginnend schon mit dem Featurepack von VS-2008 bzw. VS-2008 SP1) sehr viele der neuen Sprachfeatures anbietet. Alleine hier hat Microsoft eigentlich schon gezeigt, dass native Softwareentwicklung alles andere als tot ist.
  4. Viele C++ Entwickler leben längst in beiden Welten, d.h. sie entickeln sowohl in der Managed Welt mit C# und sie entwickeln auch in nativem C++.  Auch dieser Entwicklung muss Rechnung getragen werden, denn diese zwei Welten vertragen sich ja excellent mit C++/CLI, COM oder auch der MFC als Kleber.
  5. Das auch in Windows 7 alle neuen Features über bestehende native Technologien (Standard Windows API Interface, COM) verfügbar gemacht wurden. Wo doch „viele Auguren“ prophezeiten, dass nun auch .NET im OS weiter und weiter Fuß fassen wird.
  6. Und wenn man die angehende Diskussionen und Gerüchte um WinC++ und eine Modernisierung von COM (siehe letzte Artikel auf ZDNet) liest scheint unmanaged Code noch einiges Neues in Zukunft zu bieten.

Ich spare mir mal einen detaillierten Rückblick auf einzelne Sessions.
Wie immer auf solchen Konferenzen hört man bekanntes, in manchen Vorträgen schaltet man ab, oder macht seinen Kram 😉 …
und bei manchen hört man wirklich neues und wird aufmerksam auf Techniken, die man wirklich produktiv einsetzen kann.
Und was solch eine Konferenz auch mit sich bringt, ist neues „zwischen den Zeilen“. Man sieht zum Beispiel die Nutzung von Tools und Funktionen, die man noch gar nicht kannte (ich werde einiges, was ich selbst neu gelernt habe in einigen Artikeln noch verarbeiten). Viele dieser „Neuigkeiten“ für mich kamen in Vorträgen vor, die ich eigentlich als „nicht ganz so interessant“ und „kenne ich eigentlich“ eingestuft hätte. So irrt man eben manchmal.

Und sicherlich bringt solch eine Konferenz auch wieder einen guten Überblick über manche Funktionalität, die man sich alleine (auch mit einem Tutorial) nicht so gut erarbeiten kann. Hier in Prien war es für mich speziell die verschieden Ansätze der Libraries für „Parallel Programming“ (OpenMP und PPL) und auch was „Transactional Memory“ in C++ bringen kann.

Ein weiterer wichtiger Punkt: „Mal wieder aus seiner Höhle“ herauszukommen, wie es ein Teilnehmer in einer Frage-Session formulierte. Der Kontakt zu anderen Entwicklern in den Pausen. Der Austausch, wie man selber aktuell Probleme löst, auf was man hinarbeitet, eröffnet einem einen anderen Blick auf die eigene Arbeit und hilft auch zu anderen Einsichten.
Und wenn es nur die Erfahrung ist: „Ich bin nicht der einzige, der dieses und jenes Problem hat…“

Und nicht zu vergessen, ist es die Möglichkeit den Repräsentanten der verschiedenen Firmen auf den Zahn zu fühlen. Man bekommt zwar wie üblich oft keine 100% Antworten auf Fragen und manche Antwort wird durch Firmen-Policies verwässert, aber man kann zwischen den Zeilen doch oft etwas mehr als „Marketing“ herauslesen und sich ein Bild machen.

Speziell erwähnen will ich hier die für mich positiven und sehr offenen Worte von Boris Jabez erwähnen, der offen zugab, dass Microsoft in den letzten 10 Jahren keinen guten Job gemacht hat „natives C++“ in der Art zu unterstützen und zu propagieren, wie es eigentlich angebracht gewesen wäre. Ich will es mal ganz vorsichtig so formulieren.
Der Begriff der „C++ Renaissance“ macht ja langsam die Runde.
Die Zukunft wird es zeigen, dass es hoffentlich keine „reine Marketingmasche“ ist…

Relativ einmütig war die Meinung der Teilnehmer, dass es gut war nach all den Jahren endlich mal wieder eine „echte C++“ Konferenz zu haben und viele wünschen sich –  wie auch ich – dass dies keine Eintagsfliege bleibt.

Fazit für mich:
Die ADC zu C++ in Prien hat mir Appetit auf mehr gemacht

Ein absolut gelungenes Event an einem schönen Plätzchen am Chiemsee, interessanten Beiträgen und Referenten, eine schönen und gemütlichen Abendversanstaltung und guter Organisation.

Ich bin gespannt ob diese Konferenz wirklich im nächsten Jahr eine Fortsetzung findet. Mich persönlich würde es freuen und ich wäre in jedem Fall wieder dabei.  Hoffen wir, dass sich Träger und Sponsoren zu einer neuen ADC für C++ in 2012 finden.